Des Kaisers neues Blechkleid

Felix SutschekWar der letzte 911er, der 997, für viele Sportwagenfans schon das non plus ultra, soll der neue, der 991, noch besser sein. Neben einem generellen Feinschliff, einer leichteren Karosserie, neuer Lenkung, überarbeiteten Motoren und Getrieben sind die 100mm mehr Radstand die wohl markanteste Änderung.

Wie schon bei der Umstellung vom Luft- auf den Wassergekühlten Boxermotor haben einige wenige besonders laut geschrien. Sie hatten Angst, dem Auto gehe sein agiler Charakter verloren. Und tatsächlich: beim durchsehen der Bilder fällt auf, dass der 911er zwar immer noch die unvergleichliche Silhouette des Ur-911ers trägt, aber je nach Betrachtungswinkel fallen durchaus auch andere Ähnlichkeiten auf.

So wirkt er direkt von vorne mitunter wie eine moderne Interpretation des legendären 356. Schräg von vorne kommt die Verwandtschaft zum Panamera durch. Wenn man aber nur einen kurzen Blick von der Seite auf das Heck wirft, wird man sich entfernt an einen Aston Martin erinnert fühlen. Insgesamt wirkt das Auto verdammt groß, dazu passt auch, dass problemlos 20-Zöller verbaut werden. Der Innenraum orientiert sich jetzt etwas mehr am Panamera und Porsche GT, bleibt aber dennoch ein echter Porsche. Die Handbremse muss man suchen, ist aber kein Beinbruch. 

Biest im Ökogewand

Wer den 991er einfach nur startet und das entfachte Donnergrollen ignoriert, der kann damit ganz entspannt dahin gleiten. Das DSG verrichtet seine Arbeit so unauffällig wie möglich. Hinzu kommt, dass dem Renner das "Segeln" beigebracht wurde. Nimmt man bis 160 Km/h Gas ganz weg, wird die Kupplung getrennt und der 911er rollt mit Standgas dahin. Gibt man wieder Gas, wird der nötige Gang eingelegt und es kann weitergehen.

"Schlimmer noch…", der Wagen hat eine Start/ Stopp Funktion. Vorbei die Zeiten der munteren Beschallung an roten Ampeln. All diese Tugenden tun ihr Bestes, damit der 911er so zivilverträglich wie nur möglich wird. Man kann ohne Probleme Blümchen pflücken, Brötchen holen oder nur flanieren.

Dem Namen und Erbe gerecht wird er, sobald man die Sport-Taste betätigt. Schärfere Gaspedal-Kennlinie, geänderte Schaltpunkte, härtere Dämpfer. Es wird schon deutlich lauter innen. Jetzt ist man in einem Sportwagen. Jeder Tritt aufs Gaspedal wird in Vortrieb umgesetzt – sofort, verzögerungsfrei. Wer dann immer noch nicht genug hat, drückt SportPlus, öffnet damit die Klappen des Sportauspuffs und pfeift auf jegliche political correctness. Jetzt zeigt er sein wahres Talent, seine wahre Bestimmung. Kurven sind sein Zuhause. Die Zielgerade sein Wohnzimmer. Von diesem Nimbus genährt lebt der Mythos des 911ers, weil man genau das mit ihm verbindet.

Das wahre Gentlemen-Driver-Sport-Auto. Flanieren können wenn nötig, aber wenn möglich ein Siegerauto sein. Herrlich wie die sechs Zylinder ihre Drehfreude in die Welt schreien. Unglaublich, wie präzise das Auto die Gedanken des Fahrers umsetzt. Beängstigend, wie er, aus dem Drift kommend, Traktion aufbauen kann, um nicht etwa zu beschleunigen, sondern um sich der nächsten Kurve entgegen zu katapultieren... (1,28 g). Man wird in den Sitz gepresst und vergisst dabei ganz, dass noch vor wenigen Minuten dasselbe Auto durch den öffentlichen Verkehr hierher geschwommen ist. Problemlos, fast schon komfortabel. Der tritt ins Kreuz ist so gewaltig, dass auf dem Weg von A, dem Beschleunigungspunkt, nach B, dem Bremspunkt für die nächste Kurve, sich immer wieder ein C einschleicht.

Da war er, der Bremspunkt. Viel zu spät auf der Bremse. Kein Problem, die standfesten Bremsen und die riesigen Räder verzögern so gewaltig, dass es trotzdem noch reicht. So beeindruckend die Beschleunigung ist, so beeindruckend ist auch die Verzögerung, ebenso wie die Kurvengeschwindigkeiten. Der G-Kräfte Anzeiger gibt für Bremsen und Kurven fast 1,3 g an. Für ein Fahrzeug mit Straßenreifen und Straßensetup ein beachtlicher Wert.

Lenkpräzision und das Feedback

Das wirklich tolle aber ist die Rückmeldung die man als Fahrer erhält, die Symbiose die man mit dem Auto eingeht. Bei manch einem Supersportler muss man mit dem Auto kämpfen um schnell zu sein. Mit dem 991 arbeitet man zusammen. Der Fahrer muss nur zuhören und wird genau wissen, wie weit er gehen kann. Die Lenkpräzision und das Feedback sind eines Porsche würdig, der Motor über jeden Zweifel erhaben und das Doppelkupplungs-Getriebe extrem fix. Vor allem im manuellen Modus wird der Fahrer nicht bevormundet. Schalten ist nicht, außer der Pilot will es. Gut, ein Abwürgen wird durch rechtzeitiges Runterschalten verhindert, aber mehr auch nicht.

Fazit

Faszinierend. Kaum ein anderes Auto verleiht derart viel Vertrauen. Sei es, um schnell zu fahren oder das Driften zu lernen. Unglaublich. Und dann kommen sie doch, die Minuspunkte: ich hätte mir für den harten Ritt sportlichere Sitze gewünscht. Und Nähte am Lenkrad die meine Daumen weniger zermürben. Nach einer Stunde Rundstrecke hatte ich Blasen am Daumen. Gut, es ist auch echt eng auf dem FSZ des ADAC in Augsburg, aber irgendwas muss man ja bemängeln.

Fotos © 2012 Redaktionsbüro Kebschull